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Biografiearbeit

ein Referat von Liane Sieger und Olaf Höwer

verfasst für die Veranstaltung S1 Alter
im Sommersemester 2000

Dozentin: Fr. Prof. Müller

Inhalt

1. Definition

2. Ziele
2.1. BA, um sich der eigenen Identität bewusst zu werden
2.2. BA, um das Gedächtnis zu trainieren
2.3. BA, um sich vor Isolation und Einsamkeit zu schützen.
2.4. BA, um den Erfahrungen eines Menschen Raum zu geben und ihn zu verstehen
2.5. BA als Rückschau auf das Leben
2.6. BA, um alte Menschen zu fördern

3. Methoden der Biographiearbeit
3.1. Zeitschiene
3.2. Zeichnen, Malen und Collagen
3.3. Gegenstände betrachten, Gerüche riechen
3.4. Gedichte, Gebete, Lieder

4. Biografiearbeit in Pflegesituationen
4.1. Einsatzmöglichkeiten im Pflegealltag
4.2. Gefahr: Verkennung der Ganzheitlichkeit
4.3. Aktives Zuhören
4.4. Probleme und Strukturelle Voraussetzungen

5. Biographiearbeit bei demenziell veränderten Menschen

6. Schlussbemerkungen

Anhang A: Literaturverzeichnis
Anhang B: Was man im Internet finden kann

1. Definition

"Biografie" heißt wörtlich übersetzt etwa "Lebensbeschreibung" und war früher reserviert für die veröffent­lichten Lebenswege berühmter Persönlichkeiten. BA bedeutet dementsprechend "Beschäftigung mit Lebensgeschichte".

Dabei geht es nicht nur um die Darstellung der Geschichte eines Menschen, sondern auch um seine geistliche und seelische Entwicklung. BA als Bestandteil der Arbeit mit Menschen möchte eine andere Wahrnehmung vom Menschen ermöglichen: man versucht, den Menschen als Körper, Geist und Seele wahrzunehmen

BA ist prinzipiell in allen Lebensphasen möglich, hier soll es allerdings speziell um BA mit alten Menschen gehen.

2. Ziele

2.1. BA, um sich der eigenen Identität bewusst zu werden

In der BA kommen Aussagen über eine Realität zum Vorschein, die vorüber ist. In dem Buch "Erinnern" von Caroline Osborne wird beschrieben, dass nur wer sich erinnern kann, weiß, wer er ist. Weil in unserer Lebensgeschichte die Wurzeln unserer Identität und unseres Selbstvertrauens liegen, ist es vor allem bei alten Menschen, deren Gedächtnis nachlässt, und die ihren Alltag nur noch mit fremder Hilfe bewältigen können, wichtig, sie im Bemühen, sich ihrer Identität zu vergewissern, zu unterstützen. Dies ist noch verstärkter der Fall, wenn alte Menschen nicht mehr in ihrer vertrauten Wohnung leben können und somit meist auch der Kontakt zu Freunden und Nachbarn seltener wird.

Außerdem kann man sagen, dass, je kleiner der Aktivitätsradius alter Menschen wird, desto wichtiger wird für sie die Vergangenheit. Sie ist häufig präsent in Gesprächen Alter unter sich und bildet für sie die Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu kommen. Grund dafür ist u. a., dass das Langzeitgedächtnis oft noch erhalten ist, während andere Fähigkeiten nachlassen. Durch Erinnern wird das Gefühl von Einsamkeit und Identitätsverlust vielleicht etwas abgeschwächt.

Sie können durch das gemeinsame Erinnern Wertschätzung und Bestätigung erfahren, das Erinnern bildet also eine ganz wichtige Kompetenz für den alten Menschen, besonders wenn sein Leben ansonsten gekennzeichnet ist von Gefühlen des Versagens und des Rückschritts.

2.2. BA, um das Gedächtnis zu trainieren

Es ist strittig, ob die Gedächtnisleistung älterer Menschen schwächer ist, als die junger Menschen.

Auf das heutige Thema bezogen könnte man fragen, ob Ältere ihre Biographie schlechter erinnern als Jüngere. Dazu ist zu sagen, dass Ältere manchen Erfahrungen vermutlich weniger Bedeutung beimessen, und sie deshalb schneller vergessen werden. Es ist vielleicht auch keine "Speicherkapazität" mehr frei. Bei schmerzhaften Erfahrungen setzen sich Ältere vielleicht selbst ein Tabuzeichen ins Gedächtnis, diese Erfahrungen sinken dann sozusagen ab ins passive Gedächtnis. Der Ältere schützt sich so vielleicht vor schmerzhaften Erinnerungen.

Die Lebhaftigkeit all dieser Erinnerungen hängt auch davon ab, ob in den Zwischenzeiten des langen Lebens die gespeicherten Erinnerungen neu bedacht und dadurch aktiviert wurden.

Hier setzt BA an, denn sie versteht sich als "Erinnerungsarbeit mit Blick in die Zukunft" (Ruhe)

2.3. BA, um sich vor Isolation und Einsamkeit zu schützen

In früheren Gesellschaften, in manchen ländlichen Gegenden vielleicht auch noch heute, war BA weniger von Nöten, denn jeder Mensch hatte seinen Platz - das Leben war gewissermaßen vorbestimmt. Man kann sagen, die eigene Persönlichkeit bedurfte keiner Erklärung.

Dies ist in unserer Gesellschaft, geprägt von Individualismus und ökonomischen Problemen, längst nicht mehr der Fall. Der Einzelne soll für sich selbst verantwortlich sein, das Miteinander wird  weniger, das Leben ist wohl allgemein unübersichtlicher geworden und der Lebenslauf des Einzel­nen ist weniger statisch, als er zum Teil noch in der Generation unserer Eltern war und ist.

Für junge Menschen impliziert dies v.a. persönliche Gestaltungsmöglichkeiten und ein Plus an Freiheit. Der Individualisierungsprozess in unserer Gesellschaft ist aber auch ein Grund, warum BA an Bedeutung gewinnt, denn für alte Menschen bedeutet er oft Isolation und Einsamkeit, die zu Desorientierung und Fremdheit führen kann. Hier muss BA vielleicht die familiären und nachbarschaftlichen Kontakte ersetzen. Menschen vereinsamen auch deshalb, weil ihre Lebensgeschichten nicht mehr gefragt sind oder erfragt werden. BA fördert hier die Fähigkeit, sich zu erinnern und Erinnerungen in Handlungen zu integrieren.

2.4. BA, um den Erfahrungen eines Menschen Raum zu geben und ihn zu verstehen

BA bedeutet, dass das Leben eines Menschen zum alleinigen Thema eines Gesprächs wird. Weil das Sprechen über das eigene Leben zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehört, gibt man dem Einzelnen Raum und Zeit, über seine Erlebnisse zu reden. Dabei werden die Erfahrungen des Einzelnen für einen Moment aus allen Zusammenhängen gehoben und vor alles andere gestellt.

BA will deutlich machen: " Du wirst mit deinen kleinen Erfahrungen und deinem großen Schicksal gebraucht. Du bist wichtig,..., weil dein Leben Fragen an mein Leben stellt, und weil ich dich erst dann verstehen kann, so wie Du geworden bist". (Ruhe)

Oft gelingt es, das Verhalten eines Menschen erst mit Blick auf seine Biographie zu verstehen. Verständnis ist dann leichter möglich, weil man einen Sinn im Verhalten des Menschen erkennen kann.

2.5. BA als Rückschau auf das Leben

BA mit alten Menschen kann qualvoll sein, weil sie die Mühen der Vergangenheit anspricht. Sie ist aber auch freundlich, weil sie das Schwere des Lebens mit dem Gelungenen in Verbindung bringt. (s. Ruhe)

Durch die Rückschau gelingt vielleicht der Versuch, sich am Ende des Lebens mit dem Schicksal auszusöhnen und die Diskrepanz, die zwischen den Hoffnungen der Jugend und der Realität des Alters liegt, aufzuheben.

Durch das Mitteilen seines Wissens über die Vergangenheit und das Leben, kann der alte M. seine Sicht der Dinge vermitteln (Vermächtnis). Dies steigert vielleicht sein Selbstwertgefühl. Außerdem   kann vielleicht wieder einen Sinn im Leben entdeckt werden: Indem Vergangenes wahrgenommen wird, werden Gründe sichtbar, warum die Zukunft lohnenswert sein könnte.

2.6. BA, um alte Menschen zu fördern

BA stellt all jene Kompetenzen in den Vordergrund, die alten Menschen verblieben sind, sie möchte alte Menschen in ihrer Souveränität und in ihrem Selbstvertrauen bestärken und kommunikative, schöpferische Kräfte fördern. Hier dient BA auch oft als Schlüssel zu  vorhandenen Ressourcen, die es bewusst zu fördern gilt, um sie noch möglichst lange zu erhalten. BA hilft allmählich untergehende Identität länger zu bewahren, sie schafft Sicherheit, die v.a. wichtig ist, wenn schwierige Situationen bewältigt werden müssen.

Abschließend ist zu sagen, dass Erinnern oft nicht nur eine Beschreibung der Vergangenheit ist, sondern ein Komplex von vergangener Wirklichkeit, dem Erleben dieser Wirklichkeit und der Intension des Zugriffs auf das Gedächtnis. Das bedeutet, dass das Erinnern häufig eine für Menschen tragbare Wirklichkeit kreiert, deshalb blenden sogenannte Filter vielleicht unerwünschtes aus und schönen das Leben.

3. Methoden der Biographiearbeit

Es ist nicht Intention, das Leben des alten Menschen kritisch zu durchleuchten und ihn vielleicht sogar auf Fehler oder Versäumnisse hinzuweisen. Bei BA handelt es sich auch nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit den Versäumnissen des Lebens.

Vielmehr soll eine versöhnliche Lebensbilanz möglich werden.. Eine "Ratschlag-Haltung" verbietet sich und der Hörende muss bereit sein, sich selbst zurück zu nehmen. Widerspruch ist bei dieser Methode nur vorsichtig anzubringen.Der alte Mensch soll nicht zum Erzählen gedrängt werden, er bestimmt selbst, wem er wann und was anvertraut und was ungesagt bleiben soll.

Hier wird deutlich, dass Vertrauen eine sehr wichtige Komponente für die biographische Arbeit mit alten Menschen darstellt. Biographiearbeiter müssen Vertraulichkeit gewähren, sie müssen ein verlässlicher Partner sein in der Interaktion mit dem Erzählenden. Jeder muss sich sicher sein können dass er mit Achtung behandelt wird. Man kann Regeln aufstellen, durch die sich alle Beteiligte zu Verschwiegenheit und Respekt verpflichten. Es ist wichtig, Grenzen wahrzunehmen und diese nicht zu verletzen

Wenn man in der Pflege Beschäftigte zum Umgang mit BA befragt, werden die meisten sicher sagen, dass sie in ihrem Bereich schon lange die ihnen bekannte Aspekte der Biografie des alte Mensch in die Pflege mit einbeziehen, um diese möglichst individuell zu gestalten. Diese Art der BA nennt Osborne " informelle Erinnerungspflege".

Vergangenheit kann aber auch gezielt zum Thema gemacht werden. Dies kann in einem Eins-zu-eins-Gespräch geschehen, in der Arbeit mit alten M. bietet sich aber auch die Gruppenrunde an. Hier muss abgewogen werden, welche Situation sich für welche Personen bzw. welches Thema am besten eignet. Auch der Zeitpunkt und die Länge des Gesprächs muss individuell gewählt werden.

BA mit alten Mensch kann an vielen Orten stattfinden und kann von verschiedenen Berufsgruppen ausgeübt werden (Pflegende, ErgotherapeutInnen, SozialarbeiterInnen, etc.). Wichtigste Voraussetzung ist dabei ehrliches Interesse an den Erinnerungen und Erzählungen der alten Menschen.

Es gibt viele Methoden, die eine abwechslungsreiche Gestaltung der BA möglich machen. Auch hier gilt es abzuwägen, welche für die jeweiligen Beteiligten am geeignetsten erscheint.

Einige Möglichkeiten kurz dargestellt:

3.1. Zeitschiene

eignet sich besonders zum Einstieg einer Gruppe 
auf langer Papierbahn wird langer Balken in unterschiedliche Lebensabschnitte eingeteilt
einschneidende Erlebnisse oder markante Daten werden von den Teilnehmern eingetragen
entweder alle auf eins, sieht dann in welchem Lebensabschnitt die Einzelnen zum jeweiligen Zeitpunkt waren
oder jeder extra, erhält dann ganz individuelle Lebenskurve und erinnern und strukturieren ihre Lebenszeit
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3.2. Zeichnen, Malen und Collagen

bildliche Darstellungen rufen andere Erinnerungen wach, als es Worte können
z.B. früheres Haus oder Zimmer, genaue Zeichnung erfordert genaue Erinnerung
gezieltes Fragen erleichtert das Erinnern, z.B. "Wo befanden sich welche Gegenstände?"
solche Bilder können auch gemeinsam erstellt werden
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3.3. Gegenstände betrachten, Gerüche riechen

Alltagsgegenstände aus vergangenen Tagen fördern viele Erinnerungen aus dieser Zeit zutage, z.B. alte Kaffeedose, Teilnehmer führen Benutzung vor und erzählen, welche Erinnerungen durch diesen Gegenstand in ihnen geweckt werden

Gleiches gilt für altvertraute Gerüche, z.B. bestimmter Speisen, Bohnerwachs, Motoröl, etc.

Erinnerungskoffer für best. Personen oder best. Themen (Spielzeug, Kosmetik, Haushaltsgegenstände, etc.)

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3.4. Gedichte, Gebete, Lieder

Gedichte sprechen meist die emotionale Ebene an, Mensch muss sich konzentrieren
Gebete bergen Kindheitserfahrungen, es vereinigt sich Hoffnung, trauernde Erinnerung und Zukunftsglaube
Lieder bewegen Emotionen, gemeinsames Singen wirkt Gruppen stützend
alle drei Methoden tragen Erinnerungen, das Gespräch darüber lässt vieles zutage treten

All diese Methoden werden in der Literatur als Anregung, nicht als gemeingültiges Rezept beschrieben. Durch eigene Erfahrungen, die durch die BA hinzutreten, können sie ergänzt werden.

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4. Biografiearbeit in Pflegesituationen

Bis jetzt haben wir nur die Vorteile und einige Methoden der Biographiearbeit dargestellt. Im folgenden werde ich auf die Biographiearbeit speziell in Pflegesituationen eingehen und hier auch auf Gefahren hinweisen. Außerdem gehe ich dabei noch einmal näher auf das Thema Biographiearbeit mit demenziell veränderten Menschen ein.

4.1. Einsatzmöglichkeiten im Pflegealltag

Die vorgestellten Methoden suggerieren den Eindruck, dass Biographiearbeit immer spezielle Maßnahmen sein müssen, die einer langen Vorbereitung bedürfen. Aber gerade wir in der Pflege leisten häufig Biographiearbeit, ohne uns dessen bewusst zu sein und auch in unterschiedlicher Qualität.

Die in der Pflege geleistete Biographiearbeit unterscheidet sich im wesentlichen in den folgenden zwei Punkten zur strukturierten Biographiearbeit:

Die Gespräche finden eher zufällig statt und sind situationsabhängig

Die Beziehung zwischen Pflegendem und Gepflegtem ist eine andere als die zwischen einer Gruppe älterer Menschen und einem Außenstehenden, der Biographiearbeit anbietet. Die Pflegekraft ist ein intimer Bekannter, auf die man angewiesen ist und von der man die nötige Pflege erhält. Die Beziehung ist von einer gewissen Abhängigkeit geprägt.

4.2. Gefahr: Verkennung der Ganzheitlichkeit

Wir kennen oft viele Daten und Geschichten von den Menschen die wir pflegen. Wir haben das wichtigste in die Pflegedokumentation mit aufgenommen und idealerweise auch in den Pflegeplan mit integriert. Auch das ist schon Biographiearbeit.

Aber oftmals geben wir uns hiermit zufrieden. Genau hier liegt jedoch eine Gefahr: Wenn unser Interesse nur auf einzelne Daten und Fakten beschränkt ist, schränken wir auch unsere Sichtweise auf den Alten Menschen erheblich ein, da wir versuchen sein Verhalten aus den wenigen Erinnerungsfetzen die wir haben zu erklären. Dies wird jedoch dem Menschen nicht gerecht: Er ist mehr als die uns bekannten Erinnerungen. Erst wenn wir versuchen, uns auf ihn und seine Geschichten einzulassen, seiner subjektiv geprägte Lebenswirklichkeit näher zu kommen, sind wir auf der Spur seiner Persönlichkeit und Identität.

Oftmals werden die gleichen Ereignisse von verschiedenen Menschen unterschiedlich erlebt und verarbeitet, und daher sagt die Bedeutung eines Ereignisses für den Menschen oft mehr über ihn aus als das Ereignis selbst. Wenn wir den Menschen verstehen wollen, müssen wir ihm also zuhören. Andernfalls werden wir versuchen, die Verhaltensweisen die wir an einem alten Menschen entdecken, durch die wenigen Fakten, die wir besitzen, zu erklären versuchen, ohne den Blick darauf zu richten, unter welchen Bedingungen diese Verhaltensweisen auftreten. Begreift man die Biographie eines Menschen jedoch als Lebenserfahrung, die die Gegenwart prägt, aber nicht die alleinige Begründung für heutiges handeln ist, ist die Grundlage gegeben für einen konstruktiven Umgang mit dem Wissen über die Biographie unseres Gegenübers.

4.3. Aktives Zuhören

Wenn wir jeden Tag den Bewohnern eines Altenheimes mit den gleichen Standardfragen begegnen, werden wir auch immer dieselben Antworten erhalten. Damit drehen wir uns im Kreis und zeigen lediglich unser Desinteresse.

Ebenso wenig Interesse zeigen wir wenn wir mit Floskeln statt mit Fragen antworten. Wenn eine Frau jeden Tag darüber klagt, dass ihre Schwester sie nicht mehr besuchen kommt, hilft es ihr nicht weiter, mit einer Floskel abgespeist zu werden. Wenn man jedoch nach der Schwester fragt, sich von ihr erzählen lässt, leben für die alte Frau die schönen Zeiten mit der Schwester wieder auf, sie fühlt sich verstanden und wir können ehrliche Anteilnahme zeigen.

Außerdem vollzieht sich in solchen Gesprächen ein Wechsel der Positionen: Der alte Mensch gibt etwas von sich, die Pflegekraft empfängt. Dies ist auch einer der wenigen Augenblicke am Tag, wo nicht der Mensch mit seinen Gebrechen und Schmerzen im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, sondern der alte Mensch als Ganzes, als historische Person.

Viele alte Menschen tragen noch unverarbeitete Erinnerungen mit sich herum. Oftmals erzählen sie uns immer die gleichen Geschichten, und es ist schwierig, dies auszuhalten. Wenn sich in der Beziehung zwischen Pflegendem und Gepflegtem allerdings ein gewisses Vertrauen ausbreitet, kann es sein dass dieser Mensch plötzlich auspackt: nach der immer gleichen Geschichte stößt er zum Kern vor und erzählt, was ihn wirklich drückt, was er in seinem Leben verpasst hat, Fehler, die er gemacht hat, Erinnerungen eben, die immer verdrängt und nie verarbeitet wurden. Oft hilft alleine das Mitteilen, das darüber sprechen, auch wenn im nachhinein nichts mehr geändert werden kann. Für viele alte Menschen ist dies eine Art Befreiungsschlag. Jedoch sollten sich die Pflegenden nicht als Psychotherapeuten verstehen. Tauchen ernste Probleme auf, kann es sinnvoll sein, in Absprache mit dem Betroffenen externe Fachkräfte hinzuziehen.

4.4. Probleme und Strukturelle Voraussetzungen

Um ein solches Vertrauen überhaupt zu schaffen braucht es neben einer gewissen Offenheit auf beiden Seiten auch ein gewisses Pflegekonzept. Das Konzept der Funktionspflege etwa, wo am Tag oft acht verschiedene Pflegekräfte sich die einzelnen Pflegeschritte aufteilen steht diesem Ziel entgegen. Erst eine Verringerung dieser Fluktuation, etwa durch die Bereichspflege, wo z.B. nur eine Pflegekraft pro Schicht für einen Bewohnerkreis zuständig ist, erleichtert das Schaffen einer Vertrauensbasis.

Diese Art von zuhören wirft jedoch speziell im Pflegealltag zwei Probleme auf: Zum einen braucht es Zeit zuzuhören, die nur selten vorhanden ist, zum anderen sensibilisiert sie uns für den Menschen. Plötzlich verstehen wir ihn mit seinen Problemen und Gebrechen und können nicht alles an uns abperlen lassen. Uns wird wieder bewusst, dass dieser Mensch eine Lebensgeschichte besitzt, die niemals einer anderen gleichen kann. Das Pflegen im gewohnten Rhythmus wird schwieriger. Daher ist das Abblocken von Gesprächen seitens der Pflegenden oft auch Selbstschutz. Oftmals wird bei Einwände gegen eine solche biographisch orientierte Pflege auch argumentiert, dass das Bewohnerklientel zu schwierig im Umgang sei. Dahinter steckt auch die Angst, durch das Anhören von Leidensgeschichten selbst eigene Gefühle wachzurufen.

Daher ist eine gewollte "Biographische Pflege" mit einer großen Mehrbelastung für die Mitarbeiter verbunden. Dies erfordert eine Begleitung der Pflegekräfte z.B. durch Schulungen, Supervision oder intensiven Teamgesprächen. Pflegende müssen Lernen, sich vor Überforderungen zu schützen, und zwischen der eigenen Lebenswirklichkeit und den Erinnerungen der anderen zu trennen.
Haben wir aber eine Vertauensbasis geschaffen wissen wir sehr viel über diesen Menschen. Was aber können wir mit diesen Informationen tun? Wie oben schon erwähnt können sie für die Pflegedokumentation sehr hilfreich sein. Sie helfen anderen Pflegenden den alten Menschen besser zu verstehen, sein Tagesverhalten besser einzuschätzen und sind auch bei der Pflegeplanung von Bedeutung, vor allem dann, wenn der Bewohner, z.B. aufgrund einer dementiellen Veränderung nicht mehr in der Lage ist, sich aktiv an der Planung zu beteiligen. Ebenso hilfreich kann es sein, die Erfahrungen, die der alte Mensch geschildert hat bei der Übergabe mitzuteilen, damit die nachfolgende Schicht sich auf die Situation des Pflegebedürftigen einstellen kann.

Nun sind aber Erinnerungen ein persönliches Eigentum, vielleicht sogar das letzte, welches viele alte Menschen besitzen. Daher müssen Pflegekräfte immer entscheiden, was private Informationen sind, und was unter Umständen in eine Pflegedokumentation aufgenommen werden kann. Besser noch als die Entscheidung was notiert wird selbst zu treffen ist es, diese den alten Menschen zu überlassen und um Erlaubnis zu fragen. Aus der gleichen Überlegung heraus muss man entscheiden, wie man mit den Informationen von Angehörigen umgeht. Oftmals werden ja die Angehörigen gezielt nach Erlebnissen des jetzt Pflegebedürftigen aus der Vergangenheit befragt. Hier hat der Alte Mensch keine Chance sich zu wehren oder das erzählte zu kommentieren. Sollte man sich darauf einigen, die Angehörigen in bestimmten Fällen doch zum Leben des jetzt Pflegebedürftigen zu befragen, könnte dies z.B. in Gegenwart desselben sein, so dass er zumindest weiß, was über ihn gesagt worden ist.

Außerdem sollten alte Menschen auch das Recht haben zu wissen, wer was über sie weiß. Eine Möglichkeit den pflegebedürftigen Menschen entgegenzukommen ist es z.B. das Wissen aus seinem Leben anstatt in die Dokumentation in ein Heft aufzuschreiben welches im Zimmer des Bewohners verbleibt. So hat er jederzeit Zugriff und Kontrolle auf seine "veröffentlichten Erinnerungen".

5. Biographiearbeit bei demenziell veränderten Menschen

Bei demenziell veränderten Menschen erhält Biographiearbeit noch einmal eine neue Dimension. Während in den Anfangsstadien oben genanntes noch alles zutrifft, wird Biographiearbeit mit zunehmender Erkrankung immer schwieriger, aber auch wichtiger. Schwieriger, weil es den Menschen nicht mehr gelingt, die Gedanken auszudrücken und mitzuteilen, oder gar sich zu erinnern, wichtiger, um die letzten Erinnerungsinseln der Persönlichkeit möglichst lange zu bewahren, aber auch um seine Gewohnheiten und sein heutiges Handeln besser zu verstehen.

Um möglichst viele Sinne beim dementiell Veränderten anzusprechen ist es daher wichtig, mit z.B. Bildern und Gerüchen Erinnerungsreize zu setzen. So kann es z.B. helfen, wenn ein dementiell veränderter Heimbewohner seine Frau nicht mehr erkennt, da er sie 40 Jahre jünger in Erinnerung hat, über ein altes Bild oder evtl. ein früher von ihr benutztes Parfüm zu ihr Kontakt aufzunehmen. Durch bestimmte Handlungen, wie z.B. einen Kuchen backen, können ebenfalls Erinnerungen wach gerufen werden, selbst wenn die Demenz so weit fortgeschritten ist, dass der betroffene alte Mensch zunächst das Kuchenbacken als solches erkennt. Wichtig ist hierbei das die Handlungen nicht sinnentleert werden. Handlungen, die nur um des Einübens bzw. Erinnerns ausgeführt werden, erfüllen kaum ihren Zweck, da sie aus dem Zusammenhang gerissen werden, quasi auf dem gedanklichen Trockenplatz gearbeitet wird.

6. Schlussbemerkungen

Bei aller Begeisterung und dem Spaß, den BA bringen kann, sollte man sich hüten, alte Menschen auf Vergangenes zu reduzieren.

Auch die Beteiligung an BA innerhalb einer Gruppe oder alleine sollte nur eine Aktivität unter vielen sein

Jeder entscheidet selbst, ob und wie viel er sich beteiligt.

Es gibt Menschen, die können gut Geschichten erzählen, und einige werden fragen: "Was habe ich schon zu erzählen?" Im Prinzip ein Stück Weltgeschichte!

Anhang A: Literaturverzeichnis

Blimlinger, Eva; Ertl, Angelika; Koch-Straube, Ursula; u.a.
Lebensgeschichten Biographiearbeit mit alten Menschen
Hannover (Vincentz Verlag) 1996.

Zum Inhalt:
Das Buch zeigt, da autobiographisches Arbeiten in der Praxis der Altenarbeit die Chance bietet, einen ganzheitlichen, lebendigen Zugang zum alten Menschen zu finden. Biographiearbeit, die sich nicht darin erschöpft, Daten und Ergebnissammlung zu sein, sondern sich einlässt auf die subjektive Lebenswirklichkeit des einzelnen, ist eine Bereicherung für die menschliche Beziehung und eine Entlastung für die alltägliche Arbeit. Konkrete Hinweise für den Einsatz biographischen Arbeitens ermöglichen die Umsetzung dieser Haltung in die tägliche Praxis.
Durch grundlegende Ausführungen  über die Zusammenhänge zwischen individueller und gesellschaftlicher Geschichte und den Stellenwert der Biographie im Wandel der Zeit unterstreicht das Buch die Bedeutung von Lebensgeschichte für die professionelle Altenarbeit
 
Ruhe, Hans Georg: Methoden der Biografiearbeit Lebensgeschichte und Lebensbilanz in Therapie, Altenhilfe und Erwachsenenbildung Weinheim (Beltz Verlag) 1998. (= Belz Edition Sozial)

Zum Inhalt:
75 Methoden und deren Varianten ermutigen Menschen, das eigene Leben zu erzählen und zu erklären. Die Anregungen sind leicht umzusetzen und bedürfen keiner oder weniger Hilfsmittel. Sie unterstützen die Arbeit in Bildungsseminaren, Lebenskrisen, Altenhilfe, Pflege und Therapie.
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Anhang B: Was man im Internet finden kann:

Internetseite der Angehörigeninitiative Alzheimer e.V.
Biografiearbeit
http://www.alzheimerforum.de/3/1/6/4/biograpf.html
Gibt einen ersten kurzen und undifferenzierten Einblick über die Methode der Biografiearbeit
konstruktiver Umgang mit den Erinnerungen Demenzkranker
http://www.alzheimerforum.de/3/1/6/4kumdedk.html
Wenige Grundlegende Gedanken zur Biografiearbeit speziell bei demenziell veränderten Menschen
Mabuse online
Erfahrungen sexueller Gewalt in der Lebensgeschichte alter Frauen
http://www.oeko-net.de/mabuse/zeitschrift/mab1131.htm
Ein Text der am konkreten Beispiel veranschaulicht, was Biografiearbeit leisten kann und welche Bedeutung und Nutzen es für die Pflege haben kann.